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Presse-Echo: Kabarett


Reiner Kröhnert30.09.2008

Im Tigerinnendunst der Macht

Reiner Kröhnert brilliert zur Eröffnung der VHS-Kultursaison in der Korbacher Stadthalle

VON THERESA DEMSKI

Korbach. Er ist ein ganz normaler Typ, als er am Samstagabend um Punkt acht Uhr in der Korbacher Stadthalle die Bühne betritt. Ein kurzes Nicken, dann lässt Kabarettist Reiner Kröhnert die Kinnlade fallen, nimmt in dem Sessel Platz, der neben einem Rollstuhl seine einzige Requisite ist, und von jetzt auf gleich beginnt ein parodistisches Spektakel, das seinesgleichen sucht.

Die Kanzlerin bekommt schlüpfrige Nachrichten, manchmal direkt in die Plenarsitzung. "Seine Worte berühren meine emotionalen Synapsen, lassen mein Bollwerk der erotischen Abwehrbereitschaft bröckeln", gibt sie zu und fast könnte man vergessen, dass hier nicht Angela Merkel selbst, sondern Parodist Reiner Kröhnert spricht. Reiner KröhnertDer hat die Kinnlade fallen lassen, die fesche Frisur der Kanzlerin auf dem Kopf und trifft den Merkel-Ton. Und so absurd die Szenerie von der verliebten Kanzlerin auch ist, sie macht Spaß und eröffnet dem Publikum wunderbare Einblicke in das politische Berlin.

Denn gemeinsam mit Kabarettist Reiner Kröhnert, der an diesem Abend die Saison des VHS-Kulturforums fulminant eröffnet, machen sich die Zuschauer auf die Suche nach dem Lustmolch, der vom Tigerinnendunst der Kanzlerin und ihrem Wurzelhaar schwärmt. Hilfesuchend wendet sich "Angie" an CDU-Kollegen Peter Hinze ("ich bin der kleine Pastor von der Hallig Höge"), der mit Kollege Ronald Pofalla um die Gunst der Kanzlerin kämpft. "Mach die Kriegsspur frei", näselt Kröhnert in bester Pofalla-Manier, "Sie sind doch der Schleim von gestern." Und dann läuft der große Mann mit dem klugen Witz zur Hochform auf, wechselt die Szene und bestreitet eine ganze Talkrunde alleine. Vom Rollstuhl aus lässt er Wolfgang Schäuble an der "Achsel des Bösen" schnuppern und köstlich schwäbeln ("Datenschutz -des ischt Schnee von vorgesch-tern"). Und während er Edmund Stoibers rhetorische Missgriffe zum Leben erweckt, Friedrich Merz Beschimpfungen in den Mund legt ("die Merkel, die aufgeblasene Pseudo-Intellektuel-le") und Helmut Kohl über sein kleines Mädchen nuscheln lässt, verdichtet sich der Verdacht, dass der Krisenstab, dem auch Daniel Cohn-Bendit und Wolf Biermann beisitzen, die Merkel loswerden will.

Wer könnte da besser helfen als Gerhard Schröder, denkt sich die illustre Männerrunde. Der Ex-Kanzler will erst Freund Wladi anrufen, "der erledigt solche Dinge, ohne Spuren zu hinterlassen", kommt aber zu dem Schluss, dass gekonntes Mobbing es genauso gut tut. "Darin hat die SPD schließlich Übung", witzelt er. Den Platzeck, "die olle Ossi-Pflaume", habe er nur ordentlich zusammenbrüllen müssen, schon habe er einen Hörsturz gehabt - und der komme bekanntlich vor dem Fall. Was aber wenn die Merkel am Ende Unterstützung von "Latex-Luder" Gabriele Pauly bekommt (Schröder: "Mit der würde ich gerne mal koalieren"). Dringender sei es da, die Quoten-Quallen und Frustschnecken Ypsilanti und Nahles loszuwerden.

Gut, dass keiner der Herren weiß, dass die Merkel im Hintergrund längst die Fäden in der Hand hat. Die nämlich hat Klaus Kinski als ihren lüsternen Verehrer enttarnt ("er lebt, der Kinski lebt") und widmet sich nach einem eindrucksvollen Auftritt von Erich Honecker wieder ihrem Geschäft - der Kontrolle der männlichen Kollegen. Das Publikum ist begeistert, der Applaus endlos und die Zugabe zum Schreien komisch.

Quelle: WLZ vom 30. September 2008