Highlight des Monats: Mittwoch, 24.1.2018, Stadthalle Korbach, 20:00 Uhr. CUBA – Rhythmus, Rum & Revolution

Presse-Echo: Kabarett


Volker Pispers19.10.2006

600 Besucher genießen politisches Kabarett mit Volker Pispers

"Ich meine alles so, wie ich es sage"

Von Thomas Kobbe


KORBACH. Politisches Kabarett? So richtig knallhart und gnadenlos? Keine ironischen Seitenhiebe, sondern Frontalangriffe auf den "genetischen Sondermüll", der sich "Volksvertreter" nennt? Für diese seit langem unerledigte Aufgabe kommt momentan nur einer in Frage: Volker Pispers. 600 Besuchern in der Korbacher Stadthalle erklärte der Düsseldorfer seine Sicht der Dinge - fast drei Stunden lang.

Keine drei Minuten und es ist klar: Ein "Best of "-Programm, wie angekündigt, wird das zum Glück nicht. Der tagesaktuelle Irrsinn treibt den Kabarettisten wie Kerosin einen Airbus an. Pispers hebt sofort ab. Das Ende der Ironie hält er für gekommen. Keine harmlosen Wortspielchen mehr, kein Routineflug mit Autopilot zu bekannten Zielen, sondern harte Pointen-Punktlandungen, fast so grausam wie ein Absturz.

Das vermeintliche Spitzenpersonal der Republik ist als Erstes an der Reihe. "Münte" könne man nicht mehr ernstnehmen, der "ist doch komplett hohlraumversiegelt", Schäuble "ein Attentatsopfer und Rollstuhltäter" in einer Person und bei "Tri-Tra-Tr-Ulla Schmidt weiß man nie, ob sie "gerade zuständig ist oder ständig zu". "Die Kanzlerin zitiere ich am besten wörtlich. Ich habe noch keine bessere Möglichkeit gefunden, die Frau zu beleidigen."

Wenn Pispers den Kokon neoliberalen Gewäschs entlarvt, hört sich das etwa so an: Wer meint, dass Unternehmen mehr Gewinne machen müssen, um Arbeitsplätze zu schaffen, "glaubt auch noch an den Weihnachtsmann". Und für die Sanierung der Staatsfinanzen smpfiehlt er ein einfaches Rezept: "Die FDP müsste ihre Mitglieder lediglich überreden, nur ein halbes Jahr lang auf Steuerhinterziehungen zu verzichten."pispers-wlz

 

Ätzend aus seiner Sicht auch das ewige Gejammere der seit Jahrzehnten verhungernden Mediziner. Es stimme nachweislich nicht, dass ein Ärztemangel drohe: "In Großstädten wie Düsseldorf gibt es Viertel, da treffen Sie mehr Kardiologen als Menschen mit Herz."

Der Wahnsinn hat Methode, also braucht auch derjenige eine gute, der ihn beseitigen will. Pispers Vorgehensweise: Verstand entlarvt Geschwätz, Vernunft begegnet gezielt genährten Vorurteilen. Für seine Verbalattacken lässt er keine Gürtellinie gelten. "Ich meine alles so, wie ich es sage", versichert er am Ende noch einmal. Pispers ist mehr als nur ein Freund offener Worte, sein Verhältnis zur entblößenden Wahrheit geht über eine platonische Beziehung weit hinaus.

Im zweiten Teil des fast dreistündigen Programms beschäftigt sich Pispers mit dem 11. September. Am 11. September 1973 wurde Chiles sozialistischer Präsident Salvador Allende gestürzt - "von der Terrororganisation CIA". Der damalige Bin Laden, der amerikanische Außenminister und spätere Friedensnobelpreisträger Henry Kissinger, "ist bis heute nicht ergriffen, außer von sich selbst". Der studierte Pädagoge gibt Geschichtsunterricht. Der Vortrag gleicht in weiten Teilen einer Predigt. "Können Sie sich noch erinnern?" wird zum Glaubensbekenntnis. Das Publikum folgt dem Radikalsatiriker durch diese schwierige Passage. Das Experiment gelingt: Ursachenforschung in Sachen Terrorismus und Schurkenstaaten bekommt bei Pispers Unterhaltungswert. Die Pointen setzt er dabei spar- und sorgsam ein: Die weltpolitische Rolle der Deutschen als Waffenlieferanten folge der Prämisse "Ohne Deutschland darf nie wieder ein Krieg ausgehen."
Pispers wurde 1958 in Mönchengladbach-Rheydt geboren. Nach dem Abitur studiert er ab 1976 Anglistik, katholische Theologie und Pädagogik in Bonn und Münster. 1979/80 lebt und arbeitet er ein Jahr in England als "assistant teacher". Dort vertieft er seine Vorliebe für den schwarzen Humor und entdeckt seine Liebe zur Bühne. 1983 geht er mit seinem ersten Soloprogramm "Kabarette sich, wer kann" auf Tournee. Nach seinem Engagement als Schauspieler am Wolfgang-Borchert-Theater Münster konzentriert er sich ab 1986 aufs Kabarett. Vier Jahre später dann der Ritterschlag: Pispers wird Autor, Ensemblemitglied und Künstlerischer Leiter des Düsseldorfer Kom(m)ödchens. Bereits ein Jahr später verlässt er das renommierte Haus wieder, um solo zu arbeiten. In diesem Jahr zeichnete ihn der Bayerische Rundfunk mit dem Bayerischen Kabarettpreis aus.

Statt einer weiteren Zugabe folgt am Ende der Veranstaltung des VHS-Kulturforums ein Wort in eigener Sache. Pispers bittet sein Publikum in Korbach, nicht nur die Gastspiele angesagter Kollegen zu besuchen. Zu Beginn seiner 24-jährigen Laufbahn habe auch er magere Zeiten erlebt. Umso mehr freue er sich in jüngster Zeit über ausverkaufte Hallen. Doch Programme, die nur vor 60 Leuten gespielt werden, seien nicht automatisch schlechter und auch ein schlechter Kabarettabend besser als eine Stunde "Sabine Christiansen".

Quelle: WLZ vom 19. Oktober 2006


Gratwanderung mit Volker

Bei Kabarettist Pispers bekommen Bundestag und USA ihr Fett weg


Von Astrid Rau


KORBACH. Mit einer Gratwanderung zwischen feiner Ironie und offener Beleidigung unterhielt der Kabarettist Volker Pispers am Dienstagabend seine Fans in der Korbacher Stadthalle. In seinem Programm "Bis neulich" bekamen nicht nur die Parteien im Bundestag ihr Fett weg, sondern auch die USA mit ihrer Außenpolitik. Dabei bevorzugte er eine sehr deftige Sprache.

Tagesaktuell

Eine Stärke von Pispers scheint zu sein, tagesaktuelle Ereignisse in sein Standardprogramm nahtlos einzuarbeiten. So ließ er sich ausführlich über die gegenwärtige Armutsdebatte aus. Bei uns jammerten immer die, denen es gut gehe "oder sehen Sie die Unterschicht ständig im Fernsehen jammern?" Immerhin sei Deutschland "ein Land, in dem die Bevölkerung noch Geld hat, um Bücher von Eva Herman zu kaufen". Zu den SPD-Kommentaren zur Sache meinte er: Der Satz "Ich bin SPD und links" sei eine 15 Jahre alte Pointe, die die meisten erst heute begriffen.
Pispers schlug den Bogen über die schwer verständliche Steuerreform und die Arbeitslosenproblematik zur Gesundheitsreform. Dazu hätte Westerwelle festgestellt, Zahnersatz sei Sozialismus pur, Versicherungsschutz müsse individuell zu gestalten sein. Pispers dazu: bei uns hätte "die Unterschicht noch alle Zähne im Maul". Die alten Leute überall woanders "laufen da viel individueller rum".

Weiter ging es mit "meiner Kanzlerin". Sie zitiere er "am liebsten wörtlich. Ich habe noch keinen besseren Weg gefunden, sie zu beleidigen". Die Elefantenrunde nach der Wahl habe sie nur wegen des proletenhaften Auftritts Schröders gewonnen: "Ich hab gedacht, wenn die Krawatte verrutscht, sieht man (bei ihm) das Goldkettchen."

Im zweiten Programmteil schoss sich der Kabarettist auf die USA ein. Ausführlich ließ er deren Rolle bei den Kriegen in Afghanistan und am Persischen Golf Revue passieren.

Leider bediente sich Pispers hier zunehmend der Fäkalsprache, wobei vor allem US-und Nahost-Politiker ihr Fett abbekamen. Das Publikum schien das aber nicht zu stören.

Besonders eindringlich waren dagegen Pispers Kommentare zur unterschiedlichen Wertigkeit, die die USA Menschen gäben. Als Beispiel führte er die US-Weigerung an, Afrika den Zugang zu preiswerten Aids-Medikamenten zu ermöglichen. Als es in Amerika zu Milzbrandfällen gekommen war, hätten die USA jedoch den Bayer-Konzern gezwungen, das Medikament dafür herauszugeben.

Über den insgesamt unterhaltsamen Abend sagte Pispers-Fan Elke Stahl aus Bad Wildungen: "Absolut Wahnsinn.". Den Politikern empfahl sie, politisches Kabarett zu gucken: "Denn da wird mal Wahrheit gesagt, das, was alle denken."

Quelle: HNA vom 19. Oktober 2006