Presse-Echo: Konzerte


Prager Kammerorchester22.11.2007

Märchenhafte Zugaben

Prager Kammerorchester spielte zum Abschluss der vhs-Konzertreihe 2007

Von Astrid Rau
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KORBACH Als Höhepunkt und Abschluss der Konzertreihe 2007 hatte das vhs-kultur-forum Korbach für Dienstagabend zum Konzert mit dem Kammerorchester des Nationaltheaters Prag unter Leitung von Petr Vronsk eingeladen. Zahlreiche Musikhebhaber hatten sich vom Programm überzeugen lassen, so dass fast alle Plätze der Korbacher Stadthalle besetzt waren.

Dieses Konzert konnte man, bildlich gesprochen, mit einer aufbrechenden Blume vergleichen, die als unscheinbare Knospe beginnt, sich zu einer schönen Blüte entwickelt und erst dann all ihre Farbreflexe zeigen kann. Die Steigerung in der Ausdruckskraft von Dirigent und Orchester im Laufe des Abends war augenscheinlich. Möglich ist, dass die Musiker sich zunächst mit der bekannten trockenen Akustik der Stadthalle arrangieren mussten.

Beim einleitenden Werk, Mozarts Figaro-Ouvertüre schien es, als habe sich Vronsk von der Tempo-Vorgabe "Presto" und quirligen musikalischen Thema etwas zu sehr inspirieren lassen. So machte die Ouvertüre eher einen gehetzten denn einen lebhaften Eindruck, zumal Vronsk eher Wert auf das Metrum als auf die Musikalität zu legen schien.

Dazu bildete im Klavierkonzert in a-Moll von Schubert die Interpretation des Soloparts durch den jungen tschechischen Pianisten Adam Skoumal einen krassen Kontrast. Ihm spürte man schon im ersten Satz (Allegro af-fettuoso) seine musikalische Leidenschaft an, mit der er liebevoll Details herausarbeitete und so die Zuhörer förmlich gefangen nahm. Für den ihm zugedachten langen Applaus bedankte sich Skoumal mit einem beeindruckenden Schumann-Capriccio.

Überzeugend in C-Dur

Während dann die Konzertouvertüre "Schöne Melusine" von Mendelssohn noch recht verhalten daherkam, hatte das Orchester in Beethovens Sinfonie Nr. 1 in C-Dur schließlich zu seiner überzeugenden Form gefunden.

Völlig in ihrem Element bewegten sich Dirigent und Orchester in den Zugaben. Hier hatten sie zunächst den märchenhaft interpretierten, an kunstvolle Zuckerguss-Ornamente erinnernden Slawischen Tanz Nr. 10 ihres Landsmanns Antonin Dvorak ausgesucht.

Abschließend schlugen die Musiker mit der leichtfüßigen Ouvertüre zum "Barbier von Sevilla" von Rossini thematisch den Bogen zum Anfang des Konzerts. Man hätte sich von dieser Art von Stücken mehr gewünscht - nicht erst in der Zugabe.

Quelle: HNA vom 22. November 2007


Prager Kammerorchester widmet sich in Korbach Werken am Wendepunkt
Wenn der Funke des Neuen sich entzündet

Von Dr. Lothar Jahn KORBACH.
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Am Dienstag hat das Kammerorchester des Nationaltheaters Prag mit dem Solisten Adam Skoumal (Klavier) ein Gastspiel in der Korbacher Stadthalle gegeben. Die versierten Musiker boten ein anspruchsvolles Programm mit Werken von Schumann, Beethoven, Mendelssohn und Mozart.

Die Unzufriedenheit mit dem Bestehenden ist oft ein Quell für Kreativität. Das Kammerorchester Prag zeigte gleich viermal, wie der Funke des Neuen sich an der Kritik des Alten entzündet. Der Erste ist Ludwig van Beethoven, der die Musik endgültig herausführen wollte aus der Sphäre höfischen Amüsements. Die Symphonie war noch bis in Mozarts Zeiten hinein unverbindliche Fürstenbelustigung gewesen, damit sollte Schluss sein. Die Prager Musiker spielten Beethovens Symphonie Nr. 1 C-Dur aus dem Jahre 1800 in der gebotenen Strenge und Entschiedenheit: Hier meldete zur Jahrhundertwende ein Fürst der Musik seinen Geltungsanspruch an. Die Meisterschaft ist schon zu erahnen, gleichwohl fehlen dem Werk noch die Tiefe und unerbittliche Stringenz, die Beethoven später zum Titan der Symphonik machen.

Auch Robert Schumann war unzufrieden: Ihn ärgerte, dass die Gattung des Klavierkonzertes nicht mehr zu bieten hatte als die publikumswirksame Leistungsschau eines meisterhaften Instrumentalisten. Das Orchester bot dabei nur die Steilvorlagen zur virtuosen Kraftmeierei. Sein Klavierkonzert a-Moll wagt einen anderen Die versierten Musiker des Kammerorchesters des Nationaltheaters Prag überzeugten bei ihrem Konzert in der Korbacher Stadthalle mit feinsten Nuancierungen. (Foto: Jahn) Weg: Hier ist der Solist Teil eines musikalischen Organismus, seine Brillanz ist nie Selbstzweck, sondern dient der Musik, die sich in raffinierter Symphonik aus einem einzigen Thema heraus entwickelt. Adam Skoumal, der am Bechstein-Flügel der Stadthalle glänzte, war sich seiner Verantwortung be-wusst: Trotz seiner grandiosen Fingerfertigkeit und Gestaltungskraft fügte sich sein Spiel geschmeidig ins große Ganze ein. Felix Mendelssohn Bartholdys Kritik entzündete sich an einer Ouvertüre: Die Einleitung zu Conradin Kreutzers Oper "Melusine" schien ihm so gar nicht zu der unendlich traurigen Geschichte vom Ritter, der sich in eine Nixe verliebt, zu passen. Seine Gegenbilder entwickelte er in der Ouvertüre "Die schöne Melusine": Sie sind von Tragik, Melancholie und Farbenvielfalt geprägt, Romantik im allerbesten Sinne also. Hier konnte das Orchester mit feinster Nuancierung überzeugen.

Bleibt Mozart, dessen "Figaro" ja auch als Kritik an der herrschenden Gesellschaftsordnung verstanden wurde, schließlich war die literarische Vorlage ein revolutionäres Stück. Das Libretto passierte schließlich doch die Zensur, die Oper diente trotzdem der Entlarvung adeliger Heuchelei und verhalf den Gedanken von "liberte, egalite, fraternite" zum Durchbruch. Ein ungestümer, optimistischer Aufbruchsgeist prägt schon die Ouvertüre. Dirigent Petr Vronsky - stets voll konzentriert und ohne Partitur - brachte sein Ensemble mit sicherer Hand in die richtige Stimmung, um die damalige Wirkung nachvollziehbar zu machen. Bei den Zugaben schließlich wurde es gefälliger: Mit Lockerheit und sichtbarem Genuss schwelgten die Streicher in Dvorcaks "Slawischem Tanz Nr. 10". Und die mitreißenden Gassenhauer aus Rossinis Oper "Barbier von Sevilla" rissen am guten Ende das bis dahin aufmerksam lauschende Publikum zu Bravorufen und Begeisterungsbekundungen hin.

Quelle: WLZ vom 22. November 2007